Adler nicht gequält, sondern todkrank

PARCHIM – Spektakuläre Wende im Fall eines vermeintlich gequälten Adlers, der Anfang August in Qualitz bei Warin als flugunfähiger Jungvogel im Straßengraben gefunden worden ist: Experten haben jetzt eindeutig diagnostiziert, dass das Tier an einem unheilbaren Gen-Defekt leidet.

Die Behörden im Landkreis Güstrow hatten seinerzeit entschieden, den Vogel in die SOS-Station für verwaiste Wildtiere nach Kläden zu bringen. Der dortige Chef, Heinz Kriesel, gab schockierende Details preis: „Sämt liche Flügelfedern wurden ausgerissen, ebenso ein großer Teil der Stoßfedern am Schwanz. An den Flügeln wurde ein Teil amputiert.“ Der König der Lüfte, so der selbsternannte Experte, „muss wie ein Hund an der Leine am Boden gehalten worden sein“. Rückendeckung bekam er von den beiden Amtstierärzten in Güs trow und Parchim, die den Vogel in Augenschein genommen hatten. „Das Menschen dazu fähig sind, ist unbegreiflich“, empörte sich seinerzeit der Güstrower Behördenchef Dr. Christoph Küsters. Die Nachricht löste im Land Entsetzen aus.

Dr. Wolfgang Mewes, früherer Chef der Naturpark verwaltung Nossentiner Schwinzer Heide, hatte von Anfang an Zweifel an der Diagnose. „Es ist wahrscheinlich ein genetischer Defekt, bei dem die Federn bei ihrer Entwicklung im Ansatz stecken bleiben. Sie wachsen nicht weiter, so dass sie wie abgekniffen erscheinen“, gab er zu bedenken. Aufgrund seiner Einwände wurde der international anerkannte Fachmann für Seeadlerkrankheiten Dr. Oliver Krone vom Leibnitz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin (IZW) mit dem Fall vertraut gemacht.

„Dr. Krone stellte eindeutig fest, dass es sich um einen Jungadler aus diesem Jahr handelt, der unter dem Pinching-Off-Syndrom leidet“, teilt Dr. Wolfgang Mewes mit. Seit Ende der 90er-Jahren hatte es immer wieder Berichte über massive Gefiederstörungen bei freilebenden Seeadlern und anderen Greifvogelarten vor allem in Schleswig-Holstein und Brandenburg gegeben. Wissenschaftlern ist es trotz intensiver Forschung noch nicht gelungen, die Ursachen für den Gen-Defekt endgültig zu klären. Der jüngste Fund, der inzwischen beim IZW untersucht wird, könnte ein weiterer Mosaikstein zur Lösung sein.

Dr. Mewes kritisiert die SOS-Station in Kläden: „Dies betrifft das Gehege, in dem der Adler sein jämmerliches Dasein fristen musste, die fehlende veterinärmedizinische Begleitung und Betreuung.“ Er fordert vom Land, endlich eine akzeptable Tierauffangstation einzurichten. „Die Behörden verschließen davor ihre Augen“, so Mewes.

Quelle: SVZ

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